Was Freundschaft bedeutet

Es gibt sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie eine Freundschaft zu sein hat. Für mich braucht sie keine Erwartungshaltungen und für mich gibt es keine spezielle Definition. Für mich gibt es bestimmte Merkmale, die eine echte Freundschaft aufweisen und nur einen einzigen Punkt, der jeder Freundschaft zugrunde liegt.

Erwartungshaltungen in einer Freundschaft

Ich kenne Menschen, die haben Erwartungen an eine Freundschaft. Sie erwarten von Freunden, dass diese sich für sie interessieren. Dass sie gefragt werden, wie es ihnen geht, wie es beruflich und privat läuft und was es Neues gibt.

Die Beziehung besteht aus: sich kennen und dem Interesse füreinander.

Das ist quasi der „Pflichtteil“, aus dem sich die Freundschaft ergibt.

Eine Freundschaft braucht Pflege, gar keine Frage. Dazu gehört auch, sich um Treffen zu bemühen und in seinem Terminkalender Platz zu schaffen, um diese zu verwirklichen. Eine Freundschaft braucht aber keine Erwartungshaltungen. Für mich zumindest. Sei es in Hinblick auf die Häufigkeit der Treffen, an das Maß der Zuwendung oder an die Art, wie ein Freund zu sein hat.

In welchem Maß ein Freund für einen da ist, hängt von dem Freund an sich ab. Man kann nicht erwarten, dass die eigenen Vorstellungen vom anderen erfüllt werden. Wenn ich einem Freund mangelnde Zeit für mich oder mangelndes Interesse an mir vorwerfe, zeigt das lediglich, dass diese Aspekte für den Freund nicht so bedeutend sind, wie für mich selbst. Solche eine Freundschaft kann schmerzhaft sein, weil sie auf unterschiedlichen Wertvorstellungen gebaut ist und die Bedürfnisse in der Freundschaft – zumindest für eine  Person – nicht ausreichend erfüllt werden.

Eine Freundschaft basiert für mich immer auf dem freiwilligen Wunsch beider Seiten, gemeinsame Zeit zu verbringen und muss frei von Zwängen, Erwartungen und Druck sein.

Weil diese einengen und der Freundschaft die Flügel nehmen.

Freundschaft braucht Freiheit

9 Merkmale einer echten Freundschaft

Folgende Merkmale weisen für mich eine Freundschaft auf:

  1. Vertrautheit

Freundschaft ist für mich in erster Linie das vertraute Gefühl des Angekommen-seins. Angenommen zu werden, ohne in Frage gestellt zu werden. Bedingungslos akzeptiert zu werden. Das Wohlgefühl in der Gegenwart der anderen Person. Ich habe Freunde, die sehe ich alle paar Monate und es fühlt sich an, wie immer. Als wäre keine Zeit vergangen. Dieses Gefühl ist für mich ein wesentlicher Punkt für eine Freundschaft. Du kannst dir jederzeit begegnen und machst da weiter, wo du beim letzten Treffen aufgehört hast.

  1. Sein können, wie man ist

Man kann sich gegenseitig so geben, wie man ist, braucht sich nicht verstellen oder einander etwas vorzumachen. Zu oft tun wir genau das im Alltag mit den äußeren Einflüssen und Erwartungshaltungen anderer. Bei einem Freund hat man nicht das Gefühl, das tun zu müssen. Man kann sein, wie man ist. Man soll sein, wie man ist und wird mit seinen Fehlern und Schwächen verständnisvoll angenommen.

  1. Den Weg gemeinsam gehen

In einer Freundschaft braucht es kein vieles Fragen nach mir und meiner Person. Ich weiß, dass nicht jeder so ist. Auch wenn ich mich selbst für andere interessiere, mich nach ihnen erkundige und wissen will, was so los ist, gibt es Freunde, die nicht viel nachfragen. Aber sie hören mir zu, wenn ich reden würde. Sie würden mir Antworten geben, wenn ich welche suchen würde. Sie lassen mich erzählen, wenn ich von mir aus erzählen möchte. Sie sind einfach da ohne zu fragen. Ich fühle mich aufgehoben, auch wenn sie nicht alles von mir wissen. Das ist okay. Darum geht es nicht immer in einer Freundschaft. Das Begleiten ist viel wichtiger.

  1. Ehrlichkeit

Freunde sind ehrlich zueinander. Es gibt genug Menschen, die einem ins Gesicht lügen, weil die Wahrheit unangenehm wäre oder weil sie dich nicht schlecht dastehen lassen wollen. Zum Beispiel dir nicht sagen würden, wenn du Mundgeruch hast. In einer Freundschaft kann man ehrlich sein und hat dadurch die Chance, sich zu reflektieren und an sich zu arbeiten. Diese Ehrlichkeit, auch wenn sie manchmal unangenehm ist, hat nichts mit schlecht machen zu tun. Sie zeigt lediglich, dass du demjenigen wichtig bist, der ehrlich zu dir ist, sonst würde er dir die Wahrheit nicht sagen.

  1. Treue

Ein Freund hält zu dir. In guten Zeiten ist das kein Problem. Ein echter Freund erweist sich in den schlechten Zeiten, in denen er zu dir hält. Auch wenn er nicht gut findet, was du gemacht hast, wird er bei dir sein und dich unterstützen. Er lässt dich nicht fallen, er lässt dich nicht auflaufen, er lässt dich nicht alleine. Wenn sich alles gegen dich wendet, wenn du wirklichen Mist gebaut hast, wenn die Versuchung da ist, dich zu verlassen, dann ist er da.

  1. Vertrauen

Was auch immer du deinem Freund erzählst, du kannst dir sicher sein, dass er es für sich behält, wenn du das möchtest. Du hast auch das Vertrauen, dass er nicht schlecht über dich reden würde. Das heißt nicht, dass er mal keine Kritik über dich bei jemandem äußert, aber es ist auf eine Art und Weise, die respektvoll und höflich erfolgt und nicht in der Art „über dich herziehen“. Und es ist in der Regel etwas, das er dir selbst schon mal gesagt hat. Um dieses Vertrauen weißt du bei einem Freund.

  1. Verzeihen

Freunde verzeihen sich. Wenn die Freundschaft und das Maß der Verbundenheit stark genug sind, werden Freunde einander wieder finden. Sie werden sich verzeihen und den Weg gemeinsam weiter gehen, egal was vorgefallen ist.

  1. Da-sein

Wahre Freunde sind füreinander da, vor allem auch in Zeiten, in denen es einem nicht so gut geht. Sie bauen auf, motivieren, unterstützen und bieten Halt. Bewusst oder unbewusst. Bei einem Freund hat man kein schlechtes Gewissen, ihn zu unmöglichen Zeiten aus dem Bett zu klingeln, weil man weiß, dass er für einen da wäre. Man gibt, ohne Gegenleistung zu erwarten und man nimmt, ohne das Gefühl zu haben, etwas dafür geben zu müssen. Eine Freundschaft gleicht sich im Geben und Nehmen aus.

  1. Freiheit

Es braucht keine regelmäßigen Treffen, um eine Freundschaft zu beweisen. Im Vordergrund steht immer das Genießen der gemeinsamen Zeit und nicht das Pflichtgefühl, sich sehen zu müssen. Freundschaft ist immer freiwillig. Die freiwillige Begegnung zweier (oder mehrerer Menschen), die sich gerne haben. Wenn diese Freiheit aufhört, engt man die Freundschaft ein.

Freunde müssen sich im Herzen ähneln

Freunde haben unterschiedliche Aufgaben

Kein Freund gleicht dem anderen und das ist auch gut so. Denn Freunde haben unterschiedliche Aufgaben. Bewusst oder unbewusst hast du dir deine Freunde auch aus solchen Gründen ausgesucht: um die Menschen in dein Leben zu ziehen, die dir gut tun und einen wertvollen Beitrag für dich leisten.

Es gibt Freunde, mit denen man über alles reden kann und bei denen man sich immer aufgefangen fühlt. Es gibt Freunde, mit denen man einfach gemeinsame Zeit verbringen kann. Sie fragen nicht nach, sondern sind einfach da. Mit ihnen vergessen wir unsere Sorgen für einen Moment und lassen uns einfach treiben.

Es gibt Freunde, die sehr einfühlsam und verständnisvoll sind. Bei ihnen ist man mit Traurigkeit und Problemen sehr gut aufgehoben und es gibt solche, die sich nicht runter ziehen lassen. Die uns aufmuntern, wenn es uns schlecht geht und die jedes Problem weniger schwer wiegen lassen.

Es gibt solche, die oft anderer Meinung sind als wir. Die unseren Horizont erweitern, weil wir Dinge aus einem neuen Blickwinkel betrachten.

Es gibt Freunde, die wir bewundern – ihre Lebenseinstellung. Ihre Lebensweise. Ihren Weg. Von ihnen holen wir uns Mut und Unterstützung, um selbst die Kraft zu finden, den eigenen Weg zu gehen.

Freundschaft ist ein Gefühl

Für mich braucht Freundschaft keine gleichen Interessen, kein in- und auswendig kennen und nicht unbedingt eine gleiche Lebenseinstellung. Es braucht eine gemeinsame Wellenlänge, auf der wir uns befinden, wenn wir uns begegnen. Es liegt im Gefühl, das ich zu dir habe. Im Wert des Beisammenseins, im Maß des Angekommen-seins, das für mich die Grundlage einer Freundschaft darstellt.

Wenn du dann die Merkmale aufweist, die ich oben genannt habe, wirst du für mich zu einem echten Freund.

Und wenn die Zeit verstreicht und sich irgendwann dieses Gefühl verabschiedet: Das Gefühl, sich wohl zu fühlen. Das Gefühl, sich gut zu tun. Das Gefühl, angekommen zu sein. Die gewissen Leichtigkeit, die man im Beisein des anderen verspürt. Wenn ein Treffen zur Pflicht wird, weil man sich schon Jahre kennt und diese Routine fortführt, obwohl einen im Endeffekt nichts mehr miteinander verbindet. Wenn die Wellenlänge, die einst da war, nicht mehr gefunden wird, dann wird es Zeit für mich zu gehen. Um Platz zu schaffen für neue Begegnungen und Gefährten, die mich auf meinem Weg begleiten. Die ich brauche und die mich brauchen.

Ich wünsche dir, dass du Freunde hast. Es braucht nicht viele, aber echte!

Was bedeutet Freundschaft für dich?


Weiterführende Links:

  • Was hält Freundschaft aus? Neun Freunde im Gespräch auf zeit.de
  • Kennst du das Gefühl, dass Freundschaften nach der Schule zerbrechen? Ein Beitrag dazu auf bento.de

2 Gedanken zu „Was Freundschaft bedeutet

  1. Hallo Bettina (und evtl. Mitleser),
    möchte Dir DANKE sagen für Deine tollen Beiträge, die mich immer wieder zum Nachdenken und In-Mich-Gehen inspirieren. Mit Deinen Gesichtspunkten, was eine Freundschaft ausmacht, stehe ich voll im Einklang und bin auch der Meinung, dass ich selbst die Eigenschaften, die ein guter Freund haben sollte, besitze. Trotzdem kann ich mich nicht zu den Menschen zählen, die einen solchen Freund an ihrer Seite haben und das macht mich hin und wieder sehr traurig und manchmal auch einsam, da ich im Grunde meines Herzens eine gesellige Type bin, die gern lacht, auch über sich selbst lachen kann, und offen auf Menschen zugeht, in keinster Weise verklemmt bin. Andererseits kann ich aber auch sehr gut und gerne mit mir allein sein – brauche diese ruhigen Zeiten auch, da ich mich in den Kreis der HSP´ler einreihe – wenigstens jedoch ein/zwei wirkliche Freunde zu haben würde mich einfach glücklicher machen. Hinzu kommt, dass auch in der eigenen Familie kein Zusammenhalt stattfindet, sondern Ausgrenzung und ich mich allein schon aus diesem Grund seit ein paar Jahren sehr intensiv mit der Verarbeitung/Loslassen meiner schwierigen Vergangenheit, andererseits jedoch auch mit der eigenen Persönlichkeitsentwicklung befasse – natürlich auch hinterfrage. Leider bin ich in der Familie die Einzige, die das tut und somit Diejenige, welche ausgegrenzt werden muss, da sie nicht mehr in das „System“ passt und stört. Alles in allem bin ich gerade an einem Tiefpunkt, wo es einfach nur schön wäre, einen Freund(e)/Freundin zu haben, um auch einmal in den Arm genommen zu werden, Herzenswärme zu spüren. Immer allein „durchzumüssen“ kostet sehr viel Kraft, auch wenn ich mir gut zurede und auch ein klein wenig stolz auf mich bin, was ich in den letzten Jahren alles so zu bewerkstelligen hatte und auch noch habe (u. a. Scheidung nach 23jähriger Ehe). Alles in allem ist man aber kein Roboter, den man einfach so programmieren kann, wie man es gerne hätte – man ist einfach nur ein Mensch. Sorry – wollte eigentlich gar nicht so viel schreiben, aber nun ist es raus und ich fühle mich jetzt auch ein klein wenig besser. Vielleicht habe ich ja auch Jemandem / einem(r) Seelenverwandten oder sogar mehreren „Leidesgenossen“ aus dem Herzen gesprochen und bekomme eine Rückmeldung, gerne auch mit E-Mail-Adresse, wenn solch ein Austausch über diese Seite in irgendeiner Art und Weise möglich ist. Würde mich auf alle Fälle auf eine Rückmeldung freuen und Dir Bettina und allen Anderen alles Gute, viel Kraft und allzeit gute Freunde wünschen. Niemand sollte sich auf dieser Welt allein fühlen müssen.

    1. Liebe SunShine,

      vielen Dank für deine lieben Worte und deine Offenheit. Ich kann sehr gut verstehen, dass du traurig darüber bist, keinen echten Freund an deiner Seite zu haben. Du bringst alles mit, was es für eine gute Freundschaft braucht. Was glaubst du denn, ist die Ursache dafür? Findest du in deinem Umfeld keine Menschen, bei denen du das Gefühl hast, auf einer Wellenlänge zu sein oder hast du gar nicht so viel Kontakt, als dass eine Freundschaft entstehen könnte? Gibt es von früher jemandem, mit dem du vielleicht gerne wieder Kontakt aufnehmen würdest?

      Durch deine familiäre Erfahrung ist es noch verständlicher, dass du einen Menschen schätzen würdest, der dich annimmt, wie du bist und zu dir hält. Zu dem du kommen kannst, wenn du ein Problem hast oder einfach nur eine gemeinsame und schöne Zeit verbringen möchtest.

      Liebe SunShine, ich würde dich gerne in den Arm nehmen und drücken und dir sagen, dass alles vorübergeht und es besser werden wird, wenn du durchhältst. Du kannst mit Sicherheit sehr stolz auf dich sein. Ich weiß, was es heißt, Dinge alleine zu verarbeiten und es ist nicht schön. Bei mir war es jedoch nicht, weil ich niemanden gehabt hätte, sondern weil ich damals glaubte, meine Probleme alleine lösen zu müssen und niemandem zur Last zu fallen.

      Fühl dich frei, hier loszuwerden, was dich belastet. Ich würde dir sehr wünschen, dass sich jemand findet, der dir gerne schreibt. Auch für den Austausch untereinander und das Kennenlernen von Gleichgesinnten ist mein Blog gedacht.

      Liebe SunShine, ich wünsche dir alles Gute und viel Kraft und wenn du ein gutes Wort brauchst, dann schreib mir einfach :)

      Liebe Grüße und fühle dich umarmt.

      Deine Bettina
      PS: ich habe für Leben ohne LImit einen Gastbeitrag zum Thema Einsamkeit geschrieben. Vielleicht findest du dort ein paar hilfreiche Ideen, wie du zu mehr Kontakt kommst: http://leben-ohne-limit.com/9769/was-tun-gegen-einsamkeit/

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